Giovanni di Lorenzo

Der Frühstücksdirektor

 ... über Talent, Marotten, Disziplin, Lachanfälle  und seine Liebe zum Journalismus.
Er mag Menschen – trotz allem: Giovanni di Lorenzo. (Foto: Klaus Schultes)
Er ist Chefredakteur der Wochenzeitung „DIE ZEIT“ , Mit-Herausgeber des Berliner „Tagesspiegel“ und Moderator der Talkshow „3 nach 9“ bei Radio Bremen. Ach ja: Buchautor ist er auch noch! Geboren wurde der italienisch-deutsche Journalist in Stockholm.  Im Interview verrät er sein persönliches Burn-Out-Programm,  was er von seiner preußischen Mutter geerbt hat und warum der Journalismus für ihn ein fantastischer Beruf ist.  

Wie bekommen Sie alle Ihre Jobs unter einen Hut? Chef der ZEIT, Buchautor, Mitherausgeber des Tagesspiegels, Moderator von 3 nach 9…

Wenn ich ehrlich bin, muss ich sagen: Manchmal weiß ich es selbst nicht. Ich glaube, es sind zwei Gründe. Zum einen bin ich dank meiner Mitarbeiterinnen wirklich gut organisiert. Zum anderen habe ich das große Glück, dass mir die Dinge, die ich mache, meistens Freude bereiten. Dann spürt man die Anstrengung nicht so.

Sie sind als Chefredakteur absolut erfolgreich – entgegen des allgemeinen Branchentrends….

Touch wood, kann ich da nur sagen: Also klopf aufs Holz!

Wie erklären Sie sich, dass DIE ZEIT mit ihrer Auflage von stetigen 500.000 Exemplaren pro Ausgabe so gut dasteht?

Auch da kann ich mich nur in aller Demut äußern: Ich weiß nicht, was in einem halben Jahr sein wird oder in einem Jahr. Ich denke, dass wir das eine oder andere in den letzten Jahren richtig gemacht haben. Um die Jahrtausendwende, als es noch keine große digitale Konkurrenz gab, haben wir in den Abgrund geschaut. Das hat uns unter enormen Innovationsdruck gesetzt, der uns auch ganz gut getan hat. Daraufhin haben wir das Angebot enorm erweitert.

Vielleicht spielt außerdem eine Rolle, dass DIE ZEIT im Grundton zwar engagiert ist und manchmal auch etwas Missionarisches hat, aber nie hämisch ist. Das ist etwas, was viele Menschen mögen. Wir sind darauf stolz und versuchen diesen Schatz zu bewahren. Wir haben auch den Anschluss an junge Leser nie verloren. Bei der schwer zu erreichenden Lesergruppe zwischen 14 und 29 Jahren ist unser Leseanteil während der letzten zwölf Jahre gleich geblieben.

Von wegen also: die jungen Leute lesen keine Zeitung mehr.

Das ist genauso falsch wie: Alle jungen Leute lesen Zeitung – beides stimmt nicht! Was man aus dieser Erfahrung der ZEIT mitnehmen kann, ist vielleicht, dass nicht alle Probleme von Print auf das Digitale zurückzuführen sind. Das eine oder andere kann man auch selbst steuern.

Als Chefredakteur muss man auch Menschen führen. Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?

Antworten anderer auf diese Frage führen bei mir hin und wieder zu einem Gefühl der Fremdscham, weil Außenbild und Selbstwahrnehmung bekanntlich unfassbar weit auseinander fallen. Aber ich bilde mir ein, dass die Stimmung bei der ZEIT gut ist und davon profitieren wir alle sehr!

Journalismus ist ein Begabtenberuf, haben Sie einmal in einem Interview gesagt. Was meinen Sie damit?

Ich glaube, dass man im Journalismus noch immer Karriere machen kann – auch wenn die klassischen Stellen in den Redaktionen deutlich weniger geworden sind – , dass man also ohne Vitamin B etwas erreichen kann, allein aufgrund des Talents, das man mitbringt. Ich selbst habe mich immer daran gehalten: Ich schaue mir so gut wie nie die Abschlüsse von Bewerbern an. Ich schaue mir auch nicht an, wo sie studiert haben. Ich schaue mir einfach nur an, wie sie schreiben. Der frühere Europa-Korrespondent der TIMES, Peter W. Apple, hat mal gesagt: „Der Journalismus ist für die Mittelschicht, was für die Unterschicht das Boxen ist.“ – Er bietet also fantastische Möglichkeiten, in sehr kurzer Zeit sehr weit zu kommen. Wobei damit nicht gemeint ist, dass man irgendwelche Wunderwerke vollbringen muss, sondern dass man Medien wie Bühnen erobern und von dort aus durch die Kraft der Stücke, die man schreibt, wirken kann.

Gibt es eigentlich Gäste für 3 nach 9, die Sie nie einladen würden?

Ja! Ich bin aber nicht für die Einladungen zu „3nach9“ zuständig, das macht in völliger Autonomie die Redaktion von Radio Bremen. Aber ich habe mich mal geweigert, Jörg Haider zu interviewen, weil ich glaube, dass er nicht in eine Unterhaltungssendung gehört. Wenn man ihn scharf interviewt hätte, hätten alle gesagt: „Wie kann man nur so unfair sein?“ Wenn man ihn als unterhaltenden Gast behandelt hätte, hätten andere – auch zu Recht – gesagt: „Man kann ihn doch nicht so verharmlosen!“ Es gibt also Gäste, die gehören einfach nicht in eine Unterhaltungssendung. Dann gibt es – sehr selten – auch mal ganz persönliche Aversionen: Bei einem Schauspieler, der mich mal verprügeln wollte nach der Sendung, lege ich natürlich keinen Wert auf eine neuerliche Einladung.

Wie gehen Sie mit Gästen um, die sehr nervös und nicht gewöhnt sind, in Talkshows zu gehen?

Ich spreche ihre Nervosität offen an, mache sie transparent. Ich sage dann zum Beispiel: „Sie sind wahnsinnig nervös, ich kann das auch gut verstehen.“ Dadurch hat der jeweilige Gast nicht mehr das Gefühl, er oder sie müsse etwas überspielen.

Hatten Sie mal in der Sendung einen Lachanfall?

Ja! Den hatte ich in einer Sendung mit Maria Furtwängler, nachdem Charlotte Roche als meine Co-Moderatorin aufgehört hatte. Der Komiker Kurt Krömer war zu Gast. Maria Furtwängler saß neben Krömer und einer Ärztin, die Akupunktur anwendete und pausenlos redete. Sie hatte Nadeln mitgebracht und wollte diese vorführen. Sadistischer Weise sagte Maria: „Machen Sie das doch mal bei dem Krömer!“ Und so jagte die Ärztin dem armen Krömer eine Nadel oberhalb der Augenbrauen hinein und was er dann für ein Gesicht machte und wie er das kommentierte – da konnte ich nicht mehr an mich halten! (lacht)

Vor ein paar Woche dann das Gegenteil: Da haben gleich drei Gäste angefangen zu weinen. Das ist mindestens genauso ansteckend – auch ich bekam kein Wort mehr heraus. Bis ich dann gesagt habe: „Also bitte, wenn der Moderator jetzt auch noch anfängt zu heulen, dann wird es richtig peinlich!“

Warum? Worüber weinten die Gäste?

Sie waren schon angerührt durch ein Lied, das Reinhard Mey gesungen hatte: „So viele Sommer“,von seiner neuen CD. Nach dem Song hat Mey über die Liebe gesprochen, die er mit dem Lied besingt. Zuerst fing Ingrid van Bergen an, zu weinen. Hemmungslos. Dann die eher cool wirkende Ronja von Rönne und dann auch noch Werner Schneyder.

Sie sind seit 1999 Mitherausgeber des Tagesspiegels in Berlin. Welche Funktionen haben Sie da? Was macht ein solcher?

Ich habe im Januar 1999 beim Tagesspiegel als Chefredakteur angefangen, von der Süddeutschen Zeitung kommend. Dort bin ich bis zum Sommer 2004 geblieben und wechselte dann zur ZEIT. Bis heute aber bin ich dem Tagesspiegel als Herausgeber verbunden – das ist so eine Mischung aus Frühstücksdirektor und Ehrenpräsident.

Das heißt, Sie greifen nicht ein in redaktionelle Inhalte?

Nicht ins Operative. Bei den großen Themen erlaube ich mir schon, etwas zu sagen und stehe als Ratgeber zur Verfügung. Ich versuche, all die Dinge zu vermeiden, die mich bei meinem eigenen Herausgeber manchmal genervt haben.

Ist man als Herausgeber auch wirtschaftlich angedockt?

Sie meinen, ob man da ein Honorar bekommt?

Ja, genau.

Ich habe diesen Job zehn Jahre lang für einen Euro im Jahr gemacht. Bis es meinem Verleger gereicht hat und er sagte, dass nun mal ein Honorar fällig sei. Wie Sie daran sehen, ist mir der Tagesspiegel eine Herzensangelegenheit.

Sie sind Vater einer acht Jahre alten Tochter. Hat Ihre Popularität Einfluss auf ihr Schulleben?

Ich hoffe nicht! Sie geht auf eine ganz normale Schule bei uns um die Ecke, denn wir wollten sie eben nicht auf eine Privatschule schicken. Aber natürlich gibt es auch Dinge, die bei uns anders sind und die meine Tochter prägen. Sie hat zum Beispiel mal in der Schule erzählt: Gestern war Helmut Schmidt bei uns zum Abendessen. Das war natürlich nicht so wahnsinnig alltäglich.

Woran, glauben Sie, ist Ihre langjährige Beziehung mit Sabrina Staubitz gescheitert?

Wir haben kein Wort darüber verloren und das ist auch das Einzige, woran man sich halten kann, wenn man nicht möchte, dass das eigene Privatleben Gegenstand der Berichterstattung wird.

Sie haben eine Pressemitteilung herausgegeben.

Die kann man jederzeit zitieren. Wir haben diese Meldung herausgegeben, nachdem wir geoutet worden waren. Also nicht etwa aus eigenen Stücken.

Wenden wir uns einfacheren Themen zu: Tun Sie etwas für Ihre Gesundheit? Oder auch etwas dagegen?

Ja! Sowohl als auch! (lacht) Eine Arbeit wie die meine macht natürlich niemanden gesünder, aber ich tue auch etwas für meine Gesundheit: Ich mache Sport und habe ein persönliches Anti-Burn-Out-Programm, wie ich es nenne: Ich bin nicht in den Sozialen Medien unterwegs.

Welchen Sport treiben Sie?

Ich mache Kraft- und Konditionstraining mit einer sehr lustigen und strengen Trainerin aus Sachsen.

Haben Sie vor irgendetwas Angst?

Vor tausend Sachen! Das würde den Rahmen des Interviews sprengen, wenn ich die alle aufzählen würde! Aber ich habe relativ wenig Angst vor Menschen.

Wie kommt das?

Ich mag sie – trotz allem.

Gibt es mögliche Marotten oder Angewohnheiten, die Sie gerne loswerden möchten?

(räuspert sich) Gerne? Mal überlegen…

Ich gebe mal ein Beispiel: Etwa, nach Hause zu kommen und sich sofort die Pantoffel anzuziehen.

Oh, wie sexy. (lacht) Meine Kollegen haben neulich untereinander gespottet: „Machen Sie mal ein typisches Geräusch für Giovanni di Lorenzo!“ Da war ich selbst neugierig, was kommen würde! (lacht) Dann haben sie das Rauschen eines Wasserhahns nachgemacht: Nämlich Hände waschen. Ein paar Mal weniger täte es wohl auch.

Sind Sie diszipliniert?

Wenn es jetzt nicht kokett oder prahlerisch klingt, dann: sehr, sehr! Es ist nicht immer die sympathischste Eigenschaft, aber anders könnte ich – wie zu Beginn des Gesprächs bereits angedeutet – mein Pensum auch gar nicht schaffen. Die Disziplin habe ich eins zu eins von meiner ostpreußischen Mutter geerbt. Da stimmt das Klischee ausnahmsweise wirklich!