Prof. Dr. Horst Pöttker

„Political Correctness ist keine Kategorie für journalistische Berichterstattung“

Prof. Dr. Horst Pöttker wagt einen kritischen Blick auf Journalisten. (TU Dortmund/IfJ)
Seit 2001 forscht der Soziologie-Professor Dr. Horst Pöttker schon zum Thema „Die Rolle der Medien in einer Migrationsgesellschaft“ und hat sechs Bücher dazu veröffentlicht. Im Interview macht er ungewöhnliche Vorschläge in Sachen Integration und  erläutert, wie die Medien ihre Glaubwürdigkeit wieder herstellen können nach ihrer Berichterstattung über die Kölner Silvesterübergriffe. 

Was hat Sie vor über 15 Jahren schon dazu veranlasst, das heute topaktuelle Thema aufzunehmen?

Für meine Veranstaltung „Die Sozialstruktur Deutschlands“ im Dortmunder Studiengang Journalistik habe ich mich mit der einschlägigen soziologischen Literatur beschäftigt. Dabei wurde mir klar, dass Deutschland schon seit den 50/60er Jahren eine Einwanderungsgesellschaft ist. Ich stellte aber fest, dass es dafür wenig Bewusstsein gab bei den Studenten. Die waren immer überrascht, wenn ich gesagt habe: Ein erheblicher Teil der Bevölkerung hier hat einen anderen Kulturhintergrund und ist entweder selbst eingewandert oder stammt von Einwanderern ab.

Wie viele Menschen mit Migrationshintergrund leben bei uns?

Ungefähr 20 Prozent, etwa 16 Millionen. In Westdeutschland und bei den Jüngeren ist der Anteil höher als in Ostdeutschland und bei den Älteren. Es dürften aktuell etwas mehr sein, da wir im vergangenen Jahr viele Flüchtlinge aufgenommen haben.

Aus welchen Ländern kommen die meisten Einwanderer?

Die größte Gruppe sind die Türken, die andere große Gruppe – und das ist nicht so bekannt – sind die Russen. Beide Gruppen bestehen aus etwa drei Millionen Menschen. Viele Russen sind erst in den 90er Jahren gekommen, weil Deutschland nach der Wiedervereinigung und nach dem Niedergang der Sowjetunion viele Deutschrussen aufgenommen hat, deren Vorfahren dorthin ausgewandert waren. Wir nehmen die nicht so wahr als Russen, weil sie auch selbst nicht so wahrgenommen werden wollen. Das ist der große Unterschied zwischen den beiden Gruppen: Die Menschen mit türkischem Hintergrund wollen als Türken wahrgenommen werden. Das wird ja auch von der türkischen Regierung durch propagandistische Maßnahmen unterstützt. Und dann gibt es natürlich noch andere Gruppen, vor allem aus Südeuropa: Griechen, Italiener, Spanier, Portugiesen, Nordafrikaner, die meisten Großeltern von ihnen sind in den 50er und 60er Jahren nach Deutschland gekommen.

Wo würden Sie die Flüchtlinge aktuell einordnen?

Die meisten kommen aus Ländern, in denen es Bürgerkrieg oder andere existentielle Probleme gibt. Sie werden verfolgt und hoffen hier auf Asyl. Im politischen Diskurs wird aktuell zu wenig unterschieden, ob es Leute sind, die sich integrieren und hier bleiben wollen oder ob es sich um Leute handelt, die nach Beendigung der Bürgerkriege wieder zurück nach Hause gehen wollen. Man hört von vielen Menschen zum Beispiel aus afrikanischen Ländern, die wieder zurück wollen. Das wird zu wenig diskutiert.

Sie haben einen ungewöhnlichen Vorschlag für Migranten der zweiten und dritten Generation mit deutschem Pass: Sie sollen eine stärkere Aufgabe bei der Integration von Flüchtlingen bekommen. Warum?

Man kann sie sehr gut brauchen bei den Ethnomedien. Wenn Migranten heimatsprachliche Medien rezipieren, sagt man oft, das sei integrationshinderlich. Ich will das nicht ganz ausschließen, wegen der möglichen Bildung von Parallelgesellschaften; aber Ethnomedien können auch eine wichtige Funktion für Integration haben! Wir wissen aus der Sozialisationsforschung, dass man eine in der frühen Kindheit erworbene kulturelle Identität nicht einfach über Bord werfen, nur ergänzen kann. Wer also türkisch sozialisiert ist, der bleibt kulturell Türke. Wenn wir wollen, dass Migranten bei uns integriert werden, dann müssen wir doch auch wollen, dass sie sich hier wohlfühlen. Dazu tragen die Ethnomedien bei. Das wird oft vergessen.

Im zweiten Schritt muss man dann fragen: Was sind denn die Inhalte der Medien? Erfährt man da nur etwas aus der Türkei? Oder auch etwas über Deutschland? Es sollten auch Inhalte dabei sein, die Partizipation an der Politik, dem Bildungssystem, am Gesundheitswesen usw. ermöglichen. Das könnte doch von Leuten kommen, die beide Sprachen beherrschen und diese Doppelidentität haben. Die Migranten aus der zweiten, dritten Generation also. Ich finde, die könnten mehr im Journalismus vertreten sind, sowohl in deutschen Medien als auch in Ethnomedien.

Ist es die Aufgabe der Medien, für Integration zu sorgen?

Journalisten haben keine pädagogische Aufgabe. Sie können dadurch zur Integration beitragen, dass sie ihren Beruf ernst nehmen und möglichst viele richtige und wichtige Informationen an möglichst viele Menschen vermitteln. Auch an Migranten! Das genügt.

Kommen wir zu der Berichterstattung nach Silvester in Köln. Wie stehen Sie beispielsweise zu der Scheu der Medien, die Herkunft der Täter transparent zu machen?

Ich stehe dem sehr skeptisch gegenüber, denn diese Scheu hat dazu beigetragen, dass das Misstrauen in die Medien gewachsen ist. Die Kölnische Rundschau und der Kölner Stadt-Anzeiger haben sich vor Ort auf ihre Wahrnehmung verlassen. Daran sieht man, wie wichtig Lokaljournalismus ist! Aber die überregionalen Medien hatten diese Scheu, die haben erst später berichtet, dass viele der Täter Nordafrikaner waren. Integration heißt nicht, dass wir so tun, als ob hier alles Friede-Freude-Eierkuchen wäre. Natürlich sind mit der Einwanderung auch Probleme verbunden, und die können wir nur lösen, wenn wir ihnen offen ins Auge blicken. Insofern machen Journalisten ihre Sache gut, wenn sie richtig berichten, aber auch umfassend – und nicht etwa Probleme ausblenden.

Wie bewerten Sie die Berichterstattung der Medien, als Deutschland seine Grenzen öffnete für Flüchtlinge? Man konnte den Eindruck gewinnen, Deutschland feiert nur noch Willkommen-Partys ….

Die Aufgabe der Journalisten ist nicht, Leuten zu sagen, wie sich verhalten sollen. Sondern sie sollen darüber berichten, wie die Welt beschaffen ist und möglichst viel transparent machen, damit Leute selber darüber entscheiden können, wie sie sich verhalten wollen. Das war etwas überbordernd, wie berichtet wurde, volkspädagogisch.

Heute, ein Jahr später, weiß man, dass unter den IS-Attentätern von Paris und Brüssel Flüchtlinge waren. Die Medien beschwichtigten damals aus Angst vor Fremdenfeindlichkeit. Der Rezipient konnte sich durchaus unzureichend informiert fühlen.

Vielleicht wussten Journalisten ja auch nicht, ob mit den Flüchtlingen auch IS-Terroristen ins Land eingereist sind. Man konnte das vermuten und man hätte in die Richtung wohl mehr recherchieren können. Ich bin nicht gegen Migration, wir brauchen sie und ich weiß, wir leben in einer Migrationgesellschaft. Man darf die positive Seite der Migration nicht vergessen. Das heißt aber nicht, dass wir nicht den Problemen ins Auge blicken sollten oder gar der Wahrheit aus dem Weg gehen, vor allem nicht die Journalisten. Berufe mit pädagogischer Tendenz haben wir genug: Politiker, Bischöfe, Lehrer, Wissenschaftler. Journalisten sollen Informationen geben und die Welt transparent machen. Dazu gehört auch, dass man über die Gefahren und unangenehmen Dinge berichtet.

Die überregionalen Medien haben zunächst gar nicht berichtet. SPIEGEL, SZ oder FAZ, aber auch die öffentlich-rechtlichen TV-Sender nicht. Wird da der Vorwurf der „Lügenpresse“ nicht nachvollziehbar?

Naja, Lügenpresse… Die zögerliche Berichterstattung hat auch zum Misstrauen gegenüber den Medien beigetragen, klar. Aber Lügenpresse? Lügen ist bewusst die Unwahrheit, also schlicht Falsches sagen. Das ist in dem Fall nicht geschehen, sondern es ist etwas nicht oder zu spät gesagt worden.

Könnte für die zögerliche Berichterstattung letztlich das Deutschlandtrauma , also die Verantwortung für sechs Millionen getötete Juden, die Ursache sein?

Das kann ich nicht ausschließen, dass es das schlechte Gewissen der Deutschen ist, die das nun besser machen wollen. Mir sind jetzt keine Untersuchungen dazu präsent, aber es ist plausibel, dass das kollektive schlechte Gewissen immer noch da ist.

Jan Böhmermann und seine Satire zu Erdogan: Was ist da passiert? Inwiefern trägt dieses Beispiel aus den Medien zur Erhellung Ihres Forschungsthemas bei?

Ich finde dazu das Urteil des Landgerichts Hamburg ganz gut. Ein Zivilrechtsurteil, kein Strafurteil. Das Landgericht argumentiert, Böhmermann hat in diesem Gedicht kritisiert, dass Erdogan brutal gegen Kurden vorgeht, da ist also auch politische Kritik drin. Die muss sich gerade ein Staatsoberhaupt gefallen lassen. Aber dass man ihn mit rassistischen und sexuellen Beleidigungen überzieht, das muss er sich wohl nicht gefallen lassen. Das Landgericht hat nur diese rassistischen und obszönen Teile des Gedichts für unzulässig erklärt, die darf Böhmermann nicht wiederholen. Das finde ich nachvollziehbar, eine differenzierte Argumentation. Abgesehen davon hat Böhmermann das Verdienst, den Blick auf den Paragrafen 103 StGB gelenkt zu haben. Das ist ein vordemokratisches Relikt in unserem Strafrecht, früher hieß das Majestätsbeleidigung. Da hat jetzt die Regierung Merkel gesagt, das will sie abschaffen.

Hinsichtlich der Glaubwürdigkeit der Medien gibt es immer wieder Vorwürde, sie würden manipulieren. So hat sich der dpa-Chef im Nachhinein für eine nicht ganz wahrheitsgemäße Berichterstattung entschuldigt bei der Charlie-Hebdo-Demonstration, an der auch Merkel und Hollande teilnahmen. Es wurde so berichtet, als ob die Regierungschefs inmitten der anderen Demonstranten teilnahmen und kein Sicherheitsabstand von einigen hundert Metern da gewesen sei. Wie steht es da um die Glaubwürdigkeit?

Pressefreiheit ist nicht nur etwas Rechtliches, es gibt auch kulturelle Barrieren der Pressefreiheit. Wenn Political Correctness Überhand nimmt unter Journalisten. Wenn es inoffizielle Denkverbote gibt. Medien schreiben gern voneinander ab, da gibt es Konformitätsbildungsprozesse. Warum darf man nicht zeigen, dass Merkel und Hollande nicht mit allen anderen Teilnehmern gehen? Die sind ja besonders gefährdet als Staatschefs und müssen besonders geschützt werden. Wie auch Migranten in Asylunterkünften. Aber das heißt ja nicht, dass wir das verschweigen müssen. Political Correctness kann keine Kategorie für journalistische Berichterstattung sein. Es mag sein, dass auch im Zusammenhang mit der Kölner Silvesternacht zuviel Political Correctness im Spiel war. Dann schaut man gewissen Problemen nicht ins Auge und dann entsteht Misstrauen in die Medien. Gerade weil ich den Journalistenberuf liebe, den ich auch mal ausgeübt habe, finde ich, dass auch der Journalismus sich Kritik gefallen lassen muss, was er ja bei anderen mit Recht für die eigene Tätigkeit beansprucht.

Wie kann man die Glaubwürdigkeit wiederherstellen?

Indem man versucht, sich von solchen Konformitäten zu befreien. Am besten ist, man berichtet nicht nur zutreffend, sondern auch umfassend und vollständig und fragt nicht danach, was politisch oder moralisch opportun ist. Mir sind natürlich die aktuell schwierigen Rahmenbedingungen im Journalismus bekannt, vor allem die dramatisch schwindenden Anzeigeneinnahmen. Aber das Problem, dass man aus Political Correctness Dinge verschweigt, ist gerade in Zeiten des Internets problematisch, aus dem man jederzeit Allesmögliche erfahren kann. Ob das dann stimmt ist eine andere Sache. Es muss also darum gehen, dass der Journalismus seine Qualitäten pflegt. Vielleicht wird das Berufsfeld kleiner, aber es muss unterscheidbar sein, was professionelle Information ist, die die Grenzen der Pressefreiheit respektiert, die Richtigkeit der Fakten und das Persönlichkeitsrecht; die aber auch unerschrocken ist und nichts verschwiegt. Dazu gehört nicht zuletzt, dass der Journalismus unabhängig vom politischen System agiert.